Redaktion Der Bund
18. Oktober 2017
11 Beiträge

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Ihr Wohnort/Wohnquartier in Bern

Gepinnter Kommentar

Beitrag der Redaktion:

Hier finden Sie den Beitrag zu den Erinnerungen von Marc Hellmann, Margrit Steiner, Pier Hänni und Veronika Minder an ihre Kommunen-Zeiten anno ’68. Oder zumindest, was ihnen in Erinnerung geblieben ist: https://webspecial.derbund.ch/longform/die-68er/das-grosse-rauschen/




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Gepinnter Kommentar
    Peter Maibach

    Liebe Ruth Isenschmid
    Im damaligen Bern, das Sie so treffend beschreiben, war ich in Ihrem Alter. Ihr Text zaubert noch einmal diese schwebende Zwischenzeit ins Rampenlicht meiner Erinnerungen. Dafür danke ich Ihnen. Die unvergessliche Schwarze Tinte, die Szenebeizen aber auch die Pläfe waren unsere Rückzugsgebiete aus dem engstirnigen Schulbetrieb und dem konservativen Elternhaus. Alles schien möglich, alles durfte hinterfragt werden, alles war ein grosses endloses Spiel.

    Gewalt und Drogen, Aids waren noch nicht allgegenwärtig, zeichneten sich aber bereits deutlich ab. Homosexualität war tabu, Militärdienstverweigerer gehörten eingesperrt. Doch das rückte in den Hintergrund bei all den abenteuerlichen Projekten, schräge Bekanntschaften – das Leben war eine Wundertüte.
    Und heute? Die Protestsongs von damals laufen dezent im Warenhaus und ich weiss nicht so recht.

    Peter Maibach, Bern




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      Lieber Peter Maibach

      Ein herzliches Dankeschön für Ihre treffenden Worte. Ich freue mich sehr, dass mein Text Sie angesprochen hat.

      Ja, es war eine verrückte, endlos weite Welt, damals, als wir dabei waren, erwachsen zu werden. Ich empfinde meine Jugend als etwas Einmaliges, ein großes Geschenk an mein Leben. Dieses mein Leben hatte sich in der Folge auch entsprechen weiter entwickelt. Ich blieb im Herzen immer Rebellin, rannte oft gegen Bestehendes an und bekam auch ebenso oft die Rechnung dafür präsentiert. Trotzdem, ich möchte es nicht anders haben.

      Ich weiß, dass unsere Zeit zum Ende und bis heute kommerzialisiert wurde und noch wird. Wie Sie schreiben: unsere Protestsongs laufen heute als dezenter Hintergrund in Warenhäusern. Wir sind so zu sagen salonfähig geworden. Sogar unsere damaligen Outfits werden heute wieder kommerziell ausgeschlachtet und zur neuesten Mode erklärt.

      Trotzdem habe ich mir ein Quäntchen dieser Zeit in meinem Welt-und Menschenbild bewahrt. Dadurch war mein Leben bisher reich an allem, was dazu gehört. Ich war und bin eine Grenzgängerin, ging immer aufs Ganze, musste oft schwer kämpfen um nach einem Misserfolg wieder auf die Beine zu kommen. Doch es hat sich gelohnt! Ich hatte bis jetzt im Grossen und Ganzen ein gutes Leben! Es hat mich bis nach Afrika gebracht. Ich bin dankbar und geniesse es!
      Sonnige Grüsse, Ruth Isenschmid, Dakar, Senegal




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Markus Spycher

Es war damals ein wunderschöner, allerdings etwas kühler Morgen, als ich in der Früh mit dem Zug, von Basel kommend, in Bern einfuhr. Zu jener Zeit gab es noch keinen stressigen Pendlerverkehr. Meine Blicke wanderten nicht nach rechts zur Reitschule, sondern gespannt nach links, zum Münster.

Dort hing sie, im schwachen Wind, ganz zu oberst, die Vietkongfahne. Eine Anekdote besagt, dass der damalige Justizminister Ludwig von Moos beim Anblick gesagt haben soll: «Zum Glück ist es keine Vietcong-Fahne.»

Dann stieg, immer noch im Zug, in mir aber wieder Wut hoch: Warum hat es in Bern geklappt und in Basel nicht? Es war nämlich so geplant: Wir Berner bereiten bei unserem Münster alles vor und Ueberlassen die nicht ungefährliche Ausführung routinierten, progressiven Wallliser Bergsteigern, linke Basler planen die Sache für einen der – klettertechnisch etwas einfacheren – Fronttürme ihres Münsters. Realisiert werden sollte es – zeitgleich mit dem Berner Münster – von uns Bernern. Dass eine Beschädigung an historischen Gebäuden tunlichst vermieden werden sollte, war damals für uns selbverständlich! Schliesslich kämpfte man für eine hehre Sache.

Also schlich sich der Schreiber am Vorabend in den oberen Teil des Turmes und wartete. In der Nacht sollte die Vietcong-Fahne unten, bei einer Baustelle des Münsters, übergeben werden. Warten, warten, warten. Kein Überbringer! Frühmorgens erfuhr ich dann von einer Copine, dass eine Übergabe zu gefährlich gewesen wäre, da sich leider dauernd irgend jemand in der Nähe aufgehalten habe. Kleiner Trost: Während des Ausharrens im Turm war am späteren Abend von unten her ein wunderschönes Konzert mit klassischer Musik zu hören. Dafür ein spätes Dankeschön an Basel.




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Hans Peter Friedli

Ja, auch ich war ein 68er, damals gerade 22 Jahre alt und Medizinstudent, unmittelbar vor Abschluss meines Vorklinikums, d.h. das 2. Propädeutikum mit Anatomie, Physiologie, Biochemie u.a. stand bevor. Wohl bekamen wir am Rande mit, was an der Uni Bern so lief. Aber mitgemacht hat wohl nur ein ganz kleiner Anteil der unter Examensstress stehenden Medizinstudenten. Unsere Eltern bezahlten ja für unser Studium und die wollten und konnten wir nicht enttäuschen, weil wir wegen zeitraubender Teilnahme an 68er Aktivitäten durchs Examen rasselten. Ich würde sogar vermuten, in Bern war der grösste Teil der (Medizin-)studentInnen nicht aktiv an den 68er Demos und Sit-Ins beteiligt. Ist das verwerflich? Wohl kaum. Auch wir „Inaktiven“ interessierten uns für die politischen Diskussionen dieser Zeit durchaus. Aber es gab halt auch „das Andere“, das Bestehen in der universitären Ausbildungssituation. Das waren wir unseren Eltern und uns selber schuldig. Grosse Feiern mit erheblichen Alkoholmengen und auch Drogenkonsum habe ich (leider ??) nie erlebt. Ich habe das aber auch nie konsequent gesucht.

Die Verherrlichung des damaligen Zustandes kann ich nur teilweise nachvollziehen. Was hat das für die Gesellschaft gebracht? Meinerseits habe ich nicht viel davon gemerkt. Die Dinge liefen im Bundeshaus wie vorher und auch im Weltgeschehen war eigentlich kaum eine nachhaltige Veränderung zu bemerken.

Das bedeutet aber nicht, dass die junge Generation sich nicht durch aktive Gedankenverarbeitung an unseren, weiss Gott, nicht kleinen Problemen beteiligen soll (Klimaschutz, um nur EIN Riesenproblem zu nennen). Nur sollten die 68er nicht in diesem Ausmass gerühmt werden.




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Andi Stafforte

Winter 67/68: Während meine Mutter jeweils schlief, sass ich, erst 13 jährig, ganz nahe vor dem schwarzweiss flimmernden Fernsehgerät, und schaute mir die Nachtsendungen auf ARD an, wo von den Vietnam-Demos, APO, Cohn-Bendit und San Francisko berichtet wurde, aufglockert durch Filme von Fassbinder und anderen experimentellen Werken.

Im Sommer der Liebe, 1968, rauchte ich meinen ersten Joint, beim Fischen an der Aare, in der Näher der Hunzikerbrücke. Mir wurde bloss schlecht davon. Die Wirkung gespürt habe ich erst im Winter 1972, dafür aber richtig. Ich lag auf meinem Bett und las die ganze Nacht durch das Buch von Jerry Rubin: «Do It», die 1968er Bibel der Haschrebellen. Drei Monate später zog ich in eine waschechte, maoistische Kommune ein. Nebst einer 45 Stunden Arbeitswoche fielen auch die verschiedensten Meetings mit Gleichgesinnten an, einmal sogar mit Andreas Bader, und natürlich das Flugblattverteilen vor den Fabriken, morgens vor dem eigenen Arbeitsbeginn.

Viele Freunde behaupten, die 68er hätten in der Schweiz erst 1972 stattgefunden. Für mich jedenfalls war es so. Deshalb nenne ich mich auch einen «Jung-68er».

Bei einem kurzen Besuch in Bern, bei meiner Mutter, sah ich im TV das Interview mit Timothy Leary, wie er da behauptete, alle Berner seien Hippies, weil sie so schöne Blumen auf die Fenstersimse stellten. Zugleich floss eine Bierflasche voll reinstem LSD ins Trinkwasserreservoir der Stadt, in Köniz. Dies ist entgegen den Dementi der Stadtpolizei, von Beguelin, dem damaligen Anführer der Jurassischen Befreiungsbewegung, 10 Jahre später in einem Interview mit der SI, bestätigt worden. Die Polizei hätte nur eine Flasche erwischt. Er aber habe zwei dabeigehabt.

Bewaffnet mit dem Buch «Politik der Ekstase» von Tim Leary, schluckte ich ganz alleine, am Esstisch unserer Kommune, während alle anderen schliefen, meinen ersten Trip. Ich führte Buch darüber, was geschah.

Nach den ersten, üblichen Veränderungen der Wahrnehmung, fühlte ich mich auf einmal unfähig, weiter zu schreiben. Der letzte Satz lautete: Das Ende der Gedanken. Und eine Linie wie ein Bergbach, rauschte ans Ende der Seite hinunter. In diesem Augenblick läutete es an der Türe. Ein zwei Meter grosser, deutscher Hippie mit seiner wunderschönen Freundin, stand vor der Türe, gerade zurück von einem Indien-Trip.

Er war ein Freund unseres Kommunechefs. Ich lud die beiden sogleich ein, mit mir auf den Trip zu kommen. Die Freundin war zu müde, aber der Morgenlandfahrer setzte sich zu mir, und wir philosphierten die ganze Nacht lang.

Ich propagierte: «Mao,Mao,Mao».
Und er erwiderte: «Tao,Tao,Tao.»
Am Morgen wiederholten wir beide im Chor: «Tao, Tao, Tao».
Dies läutete das Ende meiner politischen Laufbahn ein.

Ein paar Tage später traf ich in der Schwarzen Tinte in Bern den Gemeinderat Sergius Golowin. Er gab mir einen guten Rat mit auf den Weg: «Weiche Drogen wie Haschisch und LSD können Dir weiterhelfen. Aber meide die weissen Pülverchen wie die Pest.» Wahrscheinlich bin ich dank dieses Rates immer noch am Leben. Ja, ich lebe, als Morgenlandfahrer, immer noch auf der Reise.




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Monique Saulnier

Mein Thema war zur Hauptsache die Musik. 1968 war ich 18 Jahre alt. Längst, spätestens seit 1964, war ich infiziert von der Musik der Stones und Beatles. Bei mir gab es kein «Bist Du für die Beatles oder für die Stones?» Ich liebte sie beide, die Beatles für ihre unglaubliche Studio-Arbeit («St.Peppers» war und ist bis heute eines der Alben des Jahrhunderts.)

Und die Stones für ihre unvergleichlichen, bis heute unerreichten Live-Auftritte und Ihre Meilensteine wie «Sticky Fingers», «Led It Bleed», «Beggars Banquet» sowie für ihren Sexappeal, dessen ich mir erst etwas später bewusst wurde. Den Journalisten, der Anfangs der 1970er Jahre schrieb, die Musik der Stones sei Sex pur, verstand ich damals noch nicht.

Dass meine Favoriten über 50 Jahre später am Zenit ihres Schaffens sein würde, hätte damals niemand gedacht. Sie selbst wahrscheinlich am allerwenigsten. Niemand hätte drauf gewettet, dass sie die 70er überleben würden. Mit Spielfreude ohne Ende holen sie noch heute das Publikum ab. Auch die Jungen.

Selbstverständlich kamen im Laufe der 60er noch andere dazu: Deep Purple, unvergessen ihr Konzert in der Tanzdiele Bern, The Doors, Led Zeppelin, Cream, The Who, Jimmy Hendrix, Janis Joplin, usw. Dann die 70er: Dawid Bowie, The Queen, Gute Musik ohne Ende.

Meine Nichten, Neffen, die Kinder meiner Freundinnen und Freunde beneiden uns um diese Zeit. Es sei nichts besseres nachgekommen.

Die 1960er waren Nährboden für ungeheure Kreativität und wir waren mittendrin! Selbst in der Schweiz zeigte sich das mit Polo, den Span u.a., die diese Musik in Mundart übersetzten, Noch heute werde ich nicht müde, mir diese zu Klassikern gewordenen Hits von damals anzuhören. (Meine Vinyl-Platten sind durchsichtig!)




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Wolfgang Wenger

Die 68er in der Schweiz zu erleben war ein grosser Dämpfer verglichen mit wirklich «befreiten» Plätzen wie Amsterdam, London, San Francisco… Mann war ich sauer, im Nachhinein zu hören, wie es im Golden Park in San Francisco damals abging, dass es mir in dieser ersten Zeiten der Blumenrevolution nicht möglich war, das mitzuerleben.

Stattdessen zuerst in einer Trimm-Erziehung von La Neuveville Ecole Superior my ass… Doch dann war ich zurück in Bern, erlebte die mit guten Ansätzen kleinen bunten Inseln der Hippies in Bern wie das Cafe Schwarze Tinte, die Eule, die Münster-Plattform und hörte die verrücktesten Geschichten. Etwa, wie das Haschisch in die Schweiz gelangte.

Wenn bloss nicht die Moral einbildend stets zwei Schritte zurück mir gefolgt wäre. Ich musste deswegen dann die grosse Freiheit unbedingt auf der langen Strasse nach Indien selber erleben, Goa für die grosse Weihnachtsfeiern, da konnte jeder gesparte Dollar nützlich sein noch länger und noch tiefer ins Paradies abzutauchen. Je länger je besser, soviele bunte liebe Leute aus aller Welt zu treffen, das alleine war ein ewig neues Spiel wie damals am Anjuna Hippie Markt und bloss nie mehr zurück.




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Regina Probst

Ich möchte mich von ganzem Herzen bei den 68ern und -innen für ihre Vorarbeit bedanken!! Ich war 68 siebenjährig und ging bei den Nachbarn aus und ein. Dort war eine waschechte 68erin aufgewachsen und ich wurde noch im Vorschulalter mit Beatles und Stones angesteckt und eingedeckt. Mit langen Haaren und indischen Röcken vertraut. Auf dem Titelbild der Schweizer Illustrierte/Sie +Er prangte die wilde Mähne von Janis Joplin mit dem Titel «Frau oder Hexe?» Verwirrte mich etwas. Hab ich nie vergessen. Auf Spielzeuggitarren «komponierten» wir Songs, was ein Stimmen-Geplärre mit paar Tönen hiess. Ich verstand nicht alles, wie und warum es so war bei dieser Nachbarin, aber sie hat es mir einfach dadurch, dass es da war, vertraut gmacht. Offen für Neues. Kultur. Protest. Ganz organisch hat es sich dann in meine Pubertät und Jugend, die wilden Jahre der 70er, ins Lebengefühl eingefügt.

Von meiner Herkunftsfamilie wäre dies nicht gekommen, obwohl die nicht zuletzt durch die Umwälzungen der Endsechziger später recht tolerant und kommunikativ wurden. Harte Debatten zwar, aber immerhin Debatten!

Wir etwas Jüngeren hatten die Impulse der 68er erhalten, aber auch die Chance, nicht all deren naive Anfänger-Fehler zu machen. Die 70er waren deswegen auch ungeheuer kreativ, aber nicht mehr so ideologisch eng. Man konnte als Jugendliche einfach nehmen, was zu einem passte. Es gab WGs, aber schon relativ locker, keine «Kommunen» mehr. Trampen, aber nicht gegen «Kapitalismus». Musik war immer noch der zentrale Zusammenschweisser, Abgrenzung gegen die Eltern.

Doch es war nicht mehr «San Franciso», sondern musikalische Höhepunkte von Bowie bis Zappa, Pink Floyd und beginndem Punk à la Patti Smith. 68 war noch nicht in Establishment und reinen Kommerz verwandelt, doch die reine rosa Brille war verflogen. Mir half dies, die Freiheit richtig einzuschätzen, wichtige Ziele nie aus den Augen zu verlieren und dafür zu kämpfen – was vor allem etwas aushalten und widerstehen bedeutet. Deshalb verfiel ich und viele meiner Generation auch nicht dem Konsum, genossen ihn aber und hatten trotzdem progressive Ideen. Wir führten in einem Berner Keller ehrenamtlich ein kleines Kulturlokal aber schon nicht mehr rein basisdemokratisch, sondern mit Vorstand. Regeln, aber möglichst unkompliziert.

Mit Beginn der 80er wandelte sich der «Groove», das Lebensgefühl jedoch völlig. Alles wurde Kommerz und die Musik sogar eines Bowie oberflächlich. Die darin aufgewachsene Generation ist ziemlich anders.

Ich glaube, durch die Vorarbeit der 68er sind wir eine besonders konstruktive und lebenstüchtige Generation geworden. Wohl nicht zufällig ist Obama derselbe Jahrgang. Danke nochmals!

Ich fühle mich privilergiert.




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Zwei Textpassagen aus dem Roman „SAITENSTRASSEN – oder die Melodie des Zufalls“ von Roland Zoss. Veröffentlicht 1998 aus der Sicht eines Musikers, der hautnah die 60er und 70er Jahre erlebte.

AUSZUG 1) aus Roman «Saitenstrassen»
«DEMO VOR DER RUSSISCHEN BOTSCHAFT»
Wie um Himmels willen war er eigentlich nach «Winnetou I und II» dazu gekommen, Adorno zu lesen, mit einem Fachwörterbuch unterm Bankschalter versteckt? Dann der revolutionäre Umsturz in seinem Musikgeschmack. Weit war der Weg von Freddy Quinns «Die Gitarre und das Meer» zu Bob Dylans «Masters of War». Und schliesslich der heavy Ausrutscher zu «Black Sabbath», der Easy Rider-Ritt im Sattel der alten BMW.

Innert zweier Jahre war das gesamte Weltbild eines wohlerzogenen, wollsockentragenden Jünglings umgestülpt worden. Das Schicksal stiess ihn mitten hinein in die erste Minderjährigenrevolte der Moderne. Das heile Bild der Familie bekam einen Riss. Die Sexualität stand kopf. Nichts war mehr sicher, nicht mal die Bratwurst in der Pfanne. Michas Notendurchschnitt hatte nicht genügt, um ihm das Zusatzfach Englisch zu öffnen – und den Rock ‘n’ Roll. Doch die Stones verstand er auch so: I Can’t Get no Satisfaction – Street Fighting Man. Yeah, das roch nach Strassenkampf und Krieg für eine gerechte Sache; nach dem Bouquet von 68er Tränengas. Bei jeder mittelmässigen Demo war es zu schnüffeln.

Im August 1968 entzündeten sich einige Gemüter an Frankreichs H-Bomben-Explosion. Aber erst am 21. August, als Warschauer-Pakt-Truppen in die CSSR einmarschierten, ging es so richtig los. In der Nacht vor der russischen Botschaft, als der Polizist Feuer fing. Sie alle, die jung waren, etwas Grütze und Mumm im Leib hatten, marschierten über die Kirchenfeldbrücke auf Moskau zu. Ein Megafon schrie sie weiter. In der Dämmerung entzündeten sich Hunderte von Fackeln. Die Herzen schlugen im Takt für die Freiheit der Tschechoslowakei. Bis diese Barrikade kam und den aufgestauten Gefühlen den Zugang zur Russenbotschaft versperrte. Stahlgitter und Stacheldraht made in Switzerland. Im Halbdunkeln zwischen Botschaftsgebäude und Drahtverhau eine finstere Mauer von Polizei.

Das stumme Dastehen provozierte die Menge. Welle um Welle wogte auf den Gitterverhau zu. Und dann, dann warf doch so ein Arsch von weit hinten einen Molotow-Cocktail. Als die Uniformhose des Polizeigrenadiers Feuer fing, trat unwiderruflich Plan 3 in Aktion. Visiere klappten zu im flackernden Widerschein des Brandes. Fäuste fuhren zum Knüppel. Tränengasschützen gingen in Stellung und Fotoreporter in Deckung.

«Aaaachtung –Tränengas!» Während ein Wasserwerfer den brennenden Mann löschte, rückte die Verteidigungsreihe zum Angriff vor. Innert Sekunden hatte der giftige Sprühnebel die Aggressionen der «Dubcek-Svoboda»-Rufer umgepolt zu: «Nazi-Nazi-Schweine!» Die Mutigsten rissen mit blossen Händen am Stacheldraht. Damit bahnten sie den Hütern des Gesetzes, die auf die vordersten Winkelriede eindroschen, erst recht den Weg – und damit auch Fred.

Plötzlich stand der grossgewachsene Libero, der Kumpel vom Fussballklub vor Micha. Ein furchteinflössender Zweimeter-Hüne in schwarzer Kampfmontur. Statt sportlich-gelber Stulpen trug er schwere Ledergamaschen. Micha erkannte sein Gesicht nicht hinter Glas und Gasmaske. Nur, anstatt auf den Gegner einzudreschen, auf Kopf und Rücken laut Einsatzbefehl, erstarrte Freds Rechte mitten in der Bewegung. Und genau wie auf dem Fussballplatz blieb er auch hier mitten im Kampfgetümmel der umsichtige Verteidiger. Aber Micha merkte erst, wer ihn verschont hatte, als der Knüppel, anstatt in bravem Gehorsam zuzuschlagen, sich senkte, die Maske sich kurz hob und Fred «verschwinde» schrie. «Los, hau ab!» Dann drehte er sich mit einer eleganten Körpertäuschung weg.

Micha hastete im Zickzack davon. Es hagelte Flaschen und Steine. Das Kinn blutete von einem Zufallstreffer. Ein fanatischer Tötet-die-Bullen-Mob tobte über den splitterbedeckten Brunnadernrain im Kampf um die Demokratie. Jetzt erst recht befand sich jeder auf dem Wenzelsplatz, wehrlos vor dem russischen Panzerrohr, das auf seine Brust zielte. In der Lunge brannte eine Mixtur aus ohnmächtiger Wut und CS-Gas. Micha spürte, gleich würde er ersticken. Von links und rechts zerdrückt. Etwas kippte in seinem Kopf. Ein Gleichgewichtssinn für Gerechtigkeit. Wer verteidigt hier was? Auf welcher Seite stehen die Unterdrücker – auf welcher Seite die Befreier? In seiner Not, benebelt vom inhalierten Tränengas, verwandelte er sich in ein Eichhörnchen. Als er zu sich kam, hing er hoch oben im Wipfel einer Tanne im Garten der deutschen Botschaft und schnappte nach Luft. Der Kampf war rasch entschieden. Die Demo zack aufgelöst. Die Gasschwaden brauchten etwas länger.

Im Empfangsraum seiner Villa servierte der westdeutsche Vizekonsul Micha, einigen zerzausten Genossen und fluchenden Pressefotografen Tee in Meissner Porzellan. Man rieb sich die geröteten Augen, weinte um Prag, schneuzte sich für die Demokratie, spuckte auf die Polizei. Und im neutralisierenden Aufguss eines Lapsang-Souchong-Tees begannen sich die Wellen der Emotionen zu glätten. Einig waren sich alle darin, dass das, was dort die reaktionären russischen Invasoren dem tschechischen Brudervolk antaten und hier die Polizisten den friedvollen Demonstranten, dass beides die gleiche verdammte Riesensauerei war. Der deutsche Gastgeber nickte.

Nach diesem Schock – und das war es – verstand Micha einen Sommer lang überhaupt nichts mehr: Den Besuch des US-Vietnam-Generals Westmoreland in der gutbürgerlich geschmücken Stadt. Zwischen blühenden Geranien das Sternenbanner – jenes Tuch, das in «Mi Lay» mit Vietcongblut besudelt worden war. Was spielte dieses Amerika, das seine Imperialistenfinger überall reinsteckte, eigentlich für eine Rolle? Und die Sowjetunion, die mit Panzern den Frühling in den Vorgärten ihres Imperiums plattwalzte? Er traute keiner Supernation. Nur etwas leuchtete ihm ein: Die Studenten – die nach Meinung der Mutter nur «zu faul zum Arbeiten» waren – hatten mehr Zeit zum Nachdenken als ein Lehrling. Sie mussten wohl wissen, wogegen sie demonstrierten und wieso die herrschenden Zustände schlecht waren und verändert werden mussten. Aus dieser simplen Schlussfolgerung heraus marschierte Genosse Micha im nächsten Umzug an vorderster Front mit. Man schrieb den 1. Mai 1969. Er war jetzt ein Intellektueller; auf seiner wasserfesten Nylonjacke stand blau auf Weiss COLUMBIA UNIVERSITY. Zwischen Max Dätwyler, dem alten Mann mit der weissen Fahne, und Peter Vollmer, dem Jungsozialisten mit der roten, hielt Micha das Transparent hoch zur internationalen Solidarität. AVANTI POPOLO! Er fühlte, dass er wer war und dass die Solidarität ihn brauchte.

Paps reagierte verärgert auf die Kundgebung. Was für ein Stumpfsinn – jetzt sei er registriert als Kommunist und finde nach der Lehre keine Stelle! Vater Blinz wusste bei aller ängstlichen Cholerik nicht, dass er die Abhörwanze voll auf den Kopf traf. Aber das vernahm die demokratisch bespitzelte und «fichierte» Schweiz erst viel viel später. Genosse Micha jedoch verkaufte bald schon seine 250er BMW mit dem Doppelsattel. Und auch den Sturzhelm mit dem flotten roten Stern drauf. Er lebte nicht mehr bei den Eltern, marschierte nicht mehr für die «Revolutionäre Marxistische Liga». Die Wohngemeinschaft hatte er verlassen, Che Guevaras Aufruf zur Revolution begraben. Jetzt arbeitete er bei einer Bank.

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ROMAN-AUSZUG 2)
«Im Sommer 1964 flippte das ganze gesittete United Kingdom aus wegen vier Schreihälsen mit Steinpilzfrisuren. Die Beatles. Das vereinigte Königreich inklusive Überseeterritorien tanzte im She-loves-you-yeah-yeah-Takt. Mann und Frau, alt und jung schwärmte von den Beatles. Fotomodelle und Fernsehansagerinnen zerstörten ihr Make-up mit Begeisterungstränen. Schulklassen übten die neue Fussverrenkung. Der Twist hob gar Grossmütter aus den Korbsesseln. Die vier Wunderknaben spielten einen derartig, dass die ganze Welt auf einen Schlag voller pubertierender, soundsüchtiger Kinder war, die nach elektrisch verstärkter Liebe und Geborgenheit lechzten. Auch Micha gehörte dazu.

Etwas später folgte der 68er Studentenprotest. Mich begann selber zu komponieren. Damals, als Polo Hofer als füdliblutter Politiker für die Härdlüttli kandidierte. Das Berner Hippiebletti „Freeblettli“ veröffentlichte seine WALPURGISNACHTBALLADE. (anzuhören auf dem Album „Härzland, Universal Music, 2004“).

Es war an einem Vorsommerabend
als ich die Strassen hinter mir liess
und auf leisen Traumtänzerfüssen
den Weg nahm, den der Mond mir wies

Der Abendwind wiegte die Tannen
das Holz duftete schwer nach Harz
als ich von fern einen Brunnen
im Mondlicht funkeln sah wie Quarz

Er stand in einer weiten Lichtung
zwischen drei Erlen im Sumpfgras
und wie ich ihn staunend berührte
da – war er ganz aus Glas

Ich beugte mich über den Rand
trank vom kristallklaren Quell
mit offnen Augen, offenem Mund
da wurde es um mich rege und hell

Harfenmusik wiegte mich in den Wind
Elfen mit saphirblauen Flügeln
tanzten Reigen libellengeschwind
über den mondbeschienen Hügeln

Sie nahmen mich gleich in ihren Kreis
um das blaue Feuer auf
dann besang der erwachte Wald leis
der Sterne und der Wesen Lauf

Füchse, Falken, Turteltauben,
Rehe, Raben, Salamander
Zaunkönige und Nachtigallen
sassen rundum beieinander

Zwischen den Seelen der grossen Toten
hockten Hexen, die mit wehenden Haaren
auf diamantenbeschlagenen Ruten
aus Transsilvanien hergeflogen waren

Auf einmal verstummte das rege Getue
in die Runde trat der Meister der Ruhe
gehüllt in ein Kleid aus geflochtenem Farn
mit einer hölzernen Lade im Arm

Dicht vorm Feuer blieb er stehn
zog ein vergilbtes Buch aus der Lade
liess seinen Blick durch die Runde gehn
und rief: «Hört, was ich euch zu sagen habe!

Das ist das tausendjährige Buch der Gewalt
von Tyrannen geschrieben mit Untertanenblut
von falschen Päpsten und Priestern gesalbt!»
und er schmetterte es in die stiebende Glut

Ein Raunen ging durch die dichten Reihen
als der Geist von Nero heulend verschwand
Napoleon rief: «Vive l’empereur!»
Der Meister ergriff den nächsten Band:

«Auch das hundertjährige Buch der Vernunft»
sprach er, «zeugt nicht von Zufriedenheit
Maschinen übernahmen die Lebenskunst
machten euch zu Sklaven der Arbeitszeit»

Hinter mir war ein Seufzen und Greinen
als auch das Buch in Flammen aufging
Einstein und Marx umarmten sich weinend
doch alle schauten zum Meister hin

Er hielt ein drittes Buch in der Hand
mit weissen unbeschriebenen Seiten
sprach: «Das ist der letzte Band!»
dann verschwand er unter den Leuten

Einen Windstoss lang blieb es still
man gedachte der gefallenen Bäume
der ausgerotteten Tiere der Welt
der verwüsteten Böden und Meeressäume

Doch dann hub ein Huschen und Tanzen an
Waldelfen mit flechtenbekränzten Haaren
verteilten Harzmilch und Ambrosia
an alle, die hier beisammen waren

Der Mond war lang schon untergegangen
die Sterne verblassten am Firmament
als der Dirigent mit dem Wacholderzweig
und ein Geisterchor zu singen begannen

Es war das Lied vom neuen Tage
das ich nun sorgsam bei mir trage
als mein Beitrag zum dritten Buch
in das auch ich zu schreiben habe




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