Redaktion Der Bund
28. März 2018
23 Beiträge

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urs berger

Bei der «Schwäche» des Kantons wird die wesentlichste Frage ausgeklammert – oder offenbar nicht einmal erkannt. Die wirtschaftlichen Probleme sind im wesentlichen auf eine «schlechte» demographische Struktur zurückzuführen. Der Kanton Bern hat zwar auch meiner Meinung nach viel Sparpotenzial – aber der wesentlichste Effekt ist demografisch bedingt. Der Kanton Bern hat am zweitmeisten alte Leute. Und damit folgen natürlich hohe Gesundheits- und Sozialkosten. Im Kanton Zug leben zunehmend 26-40 jährige Männer, hervorragend für Steuer, Gesundheitswesen, Bildung.

Schade, dass dieses Thema weder vom Kanton noch von Herrn Stämpfli erkannt wird. Wir brauchen – viel mehr noch als den Finanzausgleich – einen demografischen Lastenausgleich.

Ansonsten werden wir in der Schweiz zunehmend in die Situation geraten, dass neben Sozialbezügern auch alte Leute abgeschreckt werden müssen.




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Roland Ramseier
Raphael Wyss
    Gottfried Treviranus

    Der Daseinszweck könnte jenseits der Steigerung der eigenen Lebensqualität liegen. Mitnichten gilt: «engen Fokus auf die Wirtschaftskraft, die der neoliberalen Ideologie innewohnt» – die Neoliberalen, einschliesslich der libertären Lebensqualität-Jäger haben einzig im Sinn, mit minimaler eigener Anstrengung durchs Leben zu kommen: ob die echte Wirtschaftskraft für darbende Menschen oder Natur dabei kaputt geht, kommt als Frage bei diesen Kalkülen prinzipiell nicht vor, so erhellend diese Kalküle auch sein mögen. Dem Glück hinterher rennen ist zudem auch nicht das Patentrezept.




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      Raphael Wyss

      Ich kann Ihrer Argumentation nicht ganz folgen. Was genau verstehen Sie unter Lebensqualität, wenn Sie die Bestrebungen zu deren Verbesserung kritisieren? Es ist doch unbestritten, dass das Ziel eines säkularen demokratischen Staates die Sicherstellung einer möglichst hohen LQ für seine Angehörigen sein muss. Umstritten ist lediglich, wie dieses am besten erreicht werden kann und welche Faktoren eine gute Lebensqualität ausmachen.

      Da der Neoliberalismus diesbezüglich finanziellen Wohlstand hoch gewichtet und diesem das meiste andere unterordnet, ist ja die Wirtschaftskraft vergleichsweise hoch (oder was meinen Sie mit «echter Wirtschaftskraft»?). Dies dank dem allgegenwärtigen Wettbewerb, weshalb ich auch den Vorwurf «Minimalisierung der eigenen Anstrengung» nicht unterschreiben würde.




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Andreas Bernasconi

Danke für den Beitrag: diese Debatte muss geführt werden. Es braucht meiner Meinung nach zweierlei: Zum einen die von Peter Stämpfli geforderte «Strategie», welche Ideen und Kräfte bündelt, zum anderen aber – und ohne dies ist die Strategie wirkungslos – Innovation und Innovationsgeist im Kleinen.

In allen Handlungsfeldern gibt es Veränderungen, Neuerungen und Neuentwicklungen. Neues können Einzelne (Ich-AG), Mitarbeitende im Betrieb oder die Betriebe und Institutionen selbst hervorbringen.

Diese Suche nach Neuem kann jederzeit beginnen und animiert werden, im Kleinen wie im Grossen. Hilfestellungen könnten niederschwellige Innovationsprogramme, Innovations-Hubs, sektor- und betriebsübergreifende Pilotprojekte bieten.

Im Anthropozän, im Zeitalter von Industrie 4.0 und der globalen Vernetzung ist es möglich, rasch Neues hervorzubringen. Wo Neues entsteht, entstehen attraktive Umgebungen, eine Voraussetzung für die geforderte wirtschaftliche Entwicklung.




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Walter Rubin

Eigentlich müsste man sich mal überlegen, wann das Haus (der Kanton und die Schweiz) gebaut ist? Wer mit der Bahn nach Zürich fährt, sieht ab Olten bis Zürich praktisch eine zusammenhängend überbaute Landschaft (eigentlich eine Stadt- und Industrielandschaft). Immer mehr Wachstum und immer mehr von allem (ob Wirtschaft, Tourismus, und und…) führt doch unweigerlich dazu, dass noch viel mehr überbaut wird, noch mehr Natur verloren geht. Wollen wir das wirklich?

Aus meiner Sicht sollte der Kantönligeist überwunden werden und die Entwicklung gesamtschweizerisch gelöst werden. Ich glaube nicht, dass es uns nützt, wenn die Kantone sich gegenseitig immer mehr aufschaukeln. Das ist ruinös.




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Martin Aeschlimann

Ich persönlich bin gegen Steuersenkungen, solange der Kanton noch Schulden hat. Lieber Schulden abbezahlen, anstatt immer Schuldzinsen zu bedienen.

Was die Entwicklung des Kanton Berns betrifft würde ich es begrüssen, wenn nachhaltiger politisiert würde. Der Flughafen Belp sollte entweder selber rentable sein oder man schliesst ihn. Kloten und Basel sind nahe genug. Man braucht hier keine Doppelspurigkeiten mit Steuergeld zu subventionieren. Auch die BLS sollte meiner Meinung nach besser mit der SBB kooperieren. Man könnte einige Schnellzüge im Wankdorf halt lassen um den Bahnhof Bern zu entlassten und Interlaken und Thun schneller mit Zürich und Basel zu verbinden. Innovative Kooperationen statt Werkstattausbau im Chlyforst!

In Initiativen wie denn Regionalen Naturpärken sehe ich Potenzial für einen nachhaltigen Tourismus in den Randregionen (Chasseral, Diemtigtal und Gantrisch). Dies sollte vermehrt gefördert werden. Wenig Verständnis habe ich hingegen für den Schnell-Tourismus mit der V-Bahn in Grindelwald. Die Wertschöpfung für die Region wird hier wohl sehr klein sein und nur wenige werden richtig viel Geld verdienen, während das Dorf Grindelwald an Attraktivität einbüsst.




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Hannes Müller

Das Wort Fortschritt wird heute, vor allem im Kanton Bern, von den Bürgerlichen zur Wirtschaftspropaganda missbraucht. Heute, wo auf der ganzen Welt Tod und Verderben herrschen, sollte Fortschritt als Lösung der Gesellschaftlichen Konflikte bezeichnet werden. In Zeiten der Privatisierungen, Massenentlassungen, Sparmassnahmen und Skandale auf allen Ebenen gibt es für Bern und die ganze Schweiz nur eine Lösung: Enteignung und Verstaatlichung aller Banken und Spitäler, Verbot sämtlicher Lobbys im Bundeshaus und höhere Besteuerung von Grossunternehmen und reichen Privatpersonen. Ansonsten geht es noch deftiger den Bach ab als es bereits jetzt der Fall ist.




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Hansueli Schild

Peter Stämpfli hat recht; der Kanton Bern braucht endlich eine Strategie die den Weg in die Zukunft weist!

Meine Meinung:
– Weniger Autobahn- und Strassenunterhalt und weniger Strassenanpassungen (Tunnel-Thun, Strasse Zweilütschinen, etc.)
– Weniger Beiträge an unsinnige Bahnen (Grimseltunnel).
– Weniger Strassen-Sicherheitstunnel.
– Einfach mehr Sparen und mit den Steuern etwas runter..

Aber auch weniger Krankenkassen-Kosten. In den letzten Jahren wurden im Kanton Bern mindestens 5 Spitäler geschlossen und die Krankenkassen werden nicht billiger!




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Andi Kronawitter
Peter Künzler

«Raus aus dem Berner Jammertal»: Ich habe den das Interview mit Peter Stämpfli mit Freude gelesen: Keine Patentrezepte, keine Kuren nach Doktor Eisenbart.

Stattdessen einige unangenehme Wahrheiten. Etwa, dass wir den Kanton dort entwickeln müssen, wo Entwicklung heute schon stattfindet und nicht in Seitentälern. Dass wir aber die Randregionen auch nicht einfach sitzen lassen können. Da gibt es einiges auszuhandeln und auszustreiten in diesem Kanton. Und der Beitrag von Peter Stämpfli wäre kein schlechter Ausgangspunkt, um diese Arbeit in den kommenden Jahren anzupacken.




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Willi Zimmermann

Das Projekt Grimsel-Bahntunnel ist insofern ein schlechtes Beispiel, weil dieses durch den Ersatz der Hochspannungsleitung erneut angestossen worden ist: Synergieeffekt, Mehrkosten Bahn nur 90 Mio. CHF, Win-win-Situation [Peter Teuscher Feb/2016].

Der Ersatz und die Verstärkung der Hochspannungsleitung über den Berg wäre aus Umweltschutzgründen wohl kaum genehmigungsfähig. Die Hochspannungsleitung transportiert aber Strom in die Städte und das Mittelland. Als Einzelprojekt ohne Synergieeffekt wäre der Bahntunnel utopisch.

Der grössere Teil der Kosten des Bahnanteils würde über FABI abgewickelt. Andere interessierte Kantone (VS, UR, OW, …) würden sich wohl an den Kosten beteiligen [Vernehmlassung Ausbauschritt 2030/35 FABI Jan/2018].$

Im Übrigen gibt der kantonale Richtplan 2030 (vom Bundesrat genehmigt) viele Hinweise über die Entwicklung des Kantons (Verkehrs- und Siedlungsentwicklung, Entwicklungsschwerpunkte ESP, Premium ESP, strategische Arbeitszonen SAZ…). Die aktuelle Bauentwicklung (u.a. auch das «Viererfeld») basiert auf diesem Richtplan. Diese Entwicklung sollte eigentlich nicht nur ein «Stadtgespräch» sein.

Und es ist nicht so, dass nichts getan wurde.




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Das bürgerliche Programm «Steuern senken und hoffen, dass dann vielleicht zusätzliche Unternehmen und Menschen kommen» ist überholt. Einerseits ist der Kanton Bern mit diesem Vorgehen gegenüber der Konkurrenz chancenlos. Andererseits würde der schädliche Steuerwettbewerb damit noch mehr angeheizt.

Stattdessen muss sich der Kanton Bern auf seine Stärken besinnen und in diese investieren. Ich denke dabei an den Tourismus, die Innovation und an die wirtschaftskräftigen Zentren. Die oft kritisierte Weitläufigkeit des Kantons ist nämlich auch eine Chance. Die wunderschönen Landschaften laden zum Wandern, Bergsteigen, Skifahren, Biken usw ein. Der Kanton Bern muss also in den Tourismus investieren. Das stärkt insbesondere die strukturschwächeren Regionen. Bei Bildung und Innovation hat Bern durchaus Chancen ganz vorne mitzuspielen, z. B. als Medizinalstandort. Dazu braucht es aber die nötigen Investitionen bei sitem-Insel und der Universität.

Die urbanen Zentren und insbesondere die Stadt und Region Bern sind der Wirtschaftsmotor des Kantons. Wenn dieser brummt, kommt das allen Regionen zugute. Es braucht also insbesondere dort Infrastrukturprojekte wie etwa neue öV-Linien. Zusammenfassend braucht es also ein verbessertes Miteinander: Die Zentren müssen bereit sein den Tourismus stärker zu fördern und im Gegenzug müssen die ländlichen Regionen die Zentren beim Ausbau der Infrastruktur unterstützen.




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Regina Probst

Der Kanton Bern ist schweizweit der wichtigste für die Strukturen der Demokratie und deren Institutionen, durch die Bundespolitik und und den Institutionen, deren Hauptämter die meisten hier angesiedelt sind. Es ist doch einäugig, nur auf die Wirtschaftskraft zu schielen! Die kann zudem auch erst in einer stabilen politischen Struktur, in der die Menschen alle Freiheiten und Absicherungen haben, blühen! Etwas philosophische Distanz wäre vonnöten. Institutionen sind aber durch andere Mentalitäten geprägt als Unternehmen. Wer lieber verwaltet als gründet, geht eben dorthin. Das sind aber nicht alles untaugliche Menschen. Die tun auch Wichtiges.

Herr Stämpfli sieht halt auch vorwiegend durch eine einschlägig gefärbete Brille. Tun wir alle etwas, aber die gute Mischung macht die Qualität. Die Stadt-Land-Gräben kann man nie völlig zuschütten, aber auch das macht den Reiz und die Mischung: Man kann voneinander lernen, und sei es halt in einer «Zwangsgemeinschaft».

Ich sehe keinen Grund, für grosse Schritte und Veränderungen, da ist mehr Panikmache. Seit ich mich zurückerinnern kann, und das sind auch schon gut 50 Jahre, war es stets ähnlich hier. Nur dass die Städte von Bürgerlich zu Links wechselten. Die machen aber auch immer noch gemässigte Mehrheitspolitik und das soll so bleiben. Nur nicht die Polarisierung voranrtreiben!




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Daniel Moser

Besten Dank für das interessante Interview! Ein Problem bleibt: Wenn man Steuern senken will, muss man an den herkömmlichen Ausgaben sparen. Man kann das an den Sozialausgaben zu Lasten der Ärmsten tun – eine klassische Option des Klassenkampfes von oben.

Es ist zu bedenken, dass Steuern lediglich ein Faktor bei der Wahl eines Industriestandortes sind, daneben gibt es auch andere, beispielsweise die Bildungsangebote. Folglich wird sich ein Sparen bei der Bildung auch negativ für die Wahl eines Unternehmensstandorts im Kanton Bern auswirken. Dies gilt es bei einer Zukunftsstrategie für den Kanton zu bedenken.




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Florian Müller

Um den Kanton vorwärts zu bringen braucht es eine Konzentration der Kräfte auf wesentliche, zukunftsgerichtete Aufgaben wie Bildung und Gesundheitswesen. Es geht nicht darum, bei steigendem Aufwand wegen der Folgen des Klimawandels die hintersten Täler billiger zu erschliessen sondern darum, diese Täler nicht mehr zu erschliessen und aufzugeben. Steuersenkungen sind für eine gezielte Entwicklung Gift, denn ohne Geld kann kein Staat leitend eingreifen.




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Luzius Thürer

Was bedeutet das Geschwurbel im Klartext: Bern Stadt aufwerten, ein Tram zur Insel, Stellenabbau in der VerwaltungInsel vergrössern / ausbauen, digitale Industrien ansiedeln und fördern, Wohnungen bauen für Zuwanderung aus Kanton, Strassenbau und -erhaltung reduzieren, Beratungsleistungen z.B. zu Strassenbauprojekten eindampfen, flächendeckende Tagesschulen einführen, Senkung der Unternehmenssteuern und Einkommenssteuern, Bergregionen und Emmental sich selbst überlassen: Abwanderung als Realität erkennen a) entweder Land-Kanton schaffen oder b) Agglo ausweiten und zentralem Ort Bern unterordnen.




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Hans H.Trickler

Der Kanton Bern ist eigentlich konkursreif. Leider wird sich niemand finden um die Beamtenschaft und externen Beratungsmandate drastisch auf das unbedingt notwendige zu begrenzen.

Nur so könnte man finanziellen Spielraum zurück gewinnen um die Einkommensteuern zu senken. Wie man im Kanton Luzern gesehen hat bewirken tiefere Firmensteuern nur ein untragbares Defizit. Spezialkonditionen bei Neuansiedlung von Firmen sind viel effektiver.




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Gottfried Treviranus

Zwischen Steuerhinterziehung und der Lebensqualität-Zelebrierung durch die Symbol-Diskursarbeiter gibt es – speziell bzgl der Industrieproduktion – egal wo, fast nur Leere. Der erstrangige Standortfaktor seelische Gesundheit – schlecht trotz hoher Investitionen – scheint zu spielen wenn fast 70% meist missmutig nicht einmal wählen gehen: nicht nur aus Politik- sondern allgemeiner Verdrossenheit trotz sehr viel Lebensqualität.

Auch weite Teile der „nach-industriellen“ Linken sind libertär-neoliberal trotz der katastrophalen Folgen dieser Schnaps-Theorie deren natürlicher Partner kostspieliger Sadismus ist wie die neue „Sozial“-Politik zeigt. Dass die Menschheit vom global dichtesten Industriewerkplatz Schweiz komplexe Grosssgüter (wie bspw. auch in der CH nötige luftige superökologische Vertikalstädte) benötigt ist der SP (Marti: hierfür die «falsche Partei») mittlerweile ebenso egal wie die anhaltende Zerstörung von «Märkten» durch die Berner RUAG.

Der Kanton braucht auch einen Shinzen vom Jura nach Meiringen, aber eine mutlose milliardenteure Fortschreibung des Stadtbahnhofs ist wichtiger. Das Interesse an den nahen Metropolen (Mailand) und Industriezentren (Belfort) liegt nahe Null trotz der immensen möglichen Synergien. Hingegen prangt am Eingang zur bald teil-privatisierten INSEL schamlos das Wort «Unternehmertum» – Ausdruck der (Prämien-)forcierung eines 10-mal zu kleinen Einzugsbeckens für ein «nationales» Gesundheitszentrum.

Die Unternehmen flüchten sich in Nischen und füllen die Leere mit Steueroptimierung und politischen Behinderung von Steuer-Transparenz und Erbschaftssteuer (für den langjährig profitablen Genuss der teuren Standortfaktoren). Stämpfli hat die Tür zum Stall einen Spalt weit aufgemacht: es stinkt gewaltig!




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