Ruth Isenschmid
20.10.2017 14:54:07
Ich heiße Ruth Isenschmid, lebe seit 15 Jahren in Dakar, Senegal und habe voller Freuden den folgende Text in Erinnerung an meine Jungendzeit in Bern verfasst: MAKE LOVE NOT WAR Im Jahr 1968 war ich 16 Jahre alt. Aufgewachsen in einer kleinbürgerlichen Familie, faszinierten mich diese revolutionären Gedanken der 68iger. Noch zu jung für die große Studentenrevolte stürzte ich mich voller Hingabe in die Hippie-Ära. Ich ließ meine Haare bis zu meinen Hüften wachsen und trug sie offen. Die einzige Zähmung meiner Mähne waren bunte Tücher, die ich um die Stirn band. Lange, schlabberige Kleider aus Indien waren mein Mode-Outfit, dazu nackte Füsse, sofern es die Temperaturen in Bern zuließen. Fand ich eine Blume, steckt ich sie mir ins Haar. Die Jeans mussten zerschlissen sein, die Pullis oder Blusen auf alt getrimmt oder aus Indien stammend. Als ich meinen Führerschein mit 18 machte, kaufte ich mir für 100 CHF einen alten Volkswagen, den ich liebevoll «Chröttli» nannte. Der Wagen selbst war in einem hellen Grasgrün gehalten, was ihm seinen Namen gab. Hingebungsvoll bemalten meine Freunde und ich ihn mit Blumen und auf den Türen prangten wunderschöne, grosse Kröten. Die Radkappen bekamen Smilies. Wenn ich mit meinem «Chröttli» auf den Berner Strassen unterwegs war, wurde ich selbstredend bei Polizeikontrollen angehalten. Nebst der üblichen Kontrolle meiner Papiere schikanierte man mich jedes Mal nach Strich und Faden. Allzu oft wurde auch das Auto nach Drogen abgesucht, da eine Person, die so aussah wie ich, sicher auch Drogen nahm (den Gefallen habe ich der Polizei allerdings nicht getan). Das Lebensgefühl damals war leicht, luftig, blumig. Wir glaubten an eine allumfassende Liebe. Liebe zu allen Menschen, Liebe zu Tieren, Pflanzen, Liebe für die ganze Welt, die wir jeden Tag zu umarmen versuchten. Das machte uns frei und ließ uns sämtlich Gebote und Regeln außer Acht lassen. Wir waren frei, jenseits aller Konventionen. Wir glaubten an eine bessere Welt. Eine Welt voller Liebe, Toleranz und gegenseitiger Achtung. Wir tanzten durch unser Leben. Abends trafen wir uns meinst auf der Münsterplattform. Dort waren die Rosen-Rabatten mit einem Streifen Rasen eingefasst. Unser Platz, um uns im Schneidersitz oder auch liegend zu unterhalten, Gitarre zu spielen, zu singen und zu tanzen. Jeder Abend ein kleines Fest, bei dem natürlich auch der eine oder andere Joint nicht fehlte. Tja, bis die Ordnungshüter kamen. Dann stoben wir in alle Richtungen auseinander und versteckten uns. War die Polizei wieder weg, kamen wir zurück. Wir waren hartnäckig, besetzten die Plattform und manchmal auch Abbruchhäuser. Natürlich wurden wir immer wieder verprügelt. Sei es durch die Schlagstöcke der Polizei oder durch «ehrbare» Bürger, welche sich in ihrer Ordnung bedroht fühlten. Diese gut bürgerlichen Attacken stärkten jedoch lediglich unseren Widerstand, gaben uns Mut, und machten uns unverdrossen. An kalten Tagen trafen wir uns im Café «Die schwarze Tinte». Noch heute denke ich mit Wehmut an diesen Ort, der mir zur 2. Heimat wurde. Dort habe ich gelernt Schach zu spielen. Wir haben stundenlang debattiert, unsere revolutionären Ideen ausgetauscht. So gab es zum Beispiel heiße Köpfe vor der Abstimmung über den Schwangerschaftsabbruch. Emanzipation war in aller Munde. Wir jungen Frauen wollten uns nicht mehr in die Küche verbannen lassen. Wir wollen frei sein, über unseren Bauch selbst bestimmen. Beruf und Kinder sollten vereinbar sein. Auch die jungen Männer machten mit. Sie erhoben den Anspruch, auch an der Kindererziehung beteiligt zu werden. Themen wie Umweltschutz, Ausstieg aus einer Konsumgesellschaft, Jobsharing, Politik wurden heiß diskutiert. Rudi Dutschke und Ché Guevara waren Leitbilder. Manchmal auch Marx oder Lenin. Wir kritisierten die bestehende Gesellschaftsordnung, verweigerten ein adäquates Rollenverhalten und suchten nach neuen Wegen. Kommunen wurden gegründet. Andere gingen aufs Land und versuchten sich als Selbstversorger. Je einfacher jemand leben konnte, umso besser. Selbstgestrickte Pullover, Schals, Socken, Handschuhe waren groß in Mode. Ebenso gebrauchte Kleider aus dem Brockenhaus. Auch das «Café des Pyrénées», der «Falken» oder der «Aarbergerhof» waren beliebte Treffpunkte. Dort konnte man auch Polo Hofer oder Mitglieder der Gruppe «Span» antreffen. Die Zeiten waren unkompliziert. Als junge Frau konnte ich abends allein in die Stadt gehen. Wenn ich in eines dieser Lokale kam, fand ich immer jemanden mit dem ich diskutieren konnte. Alle sprachen mit allen. Man kannte dadurch auch sehr viele Leute. Dann die Musik. Sie war fester Bestandteil unseres Lebens. DER Ausdruck unserer Revolte gegen die bestehende Gesellschaft. Nicht so wie heute, war diese Musik ausschließlich für uns Junge. Die ältere Generation verabscheute diese Klänge. Wir identifizierten uns umso mehr damit. «Let‘s Rock!»! Woodstock, ein Meilenstein dieser Zeit. Auch gehörte die freie Liebe zu dieser Lebenseinstellung. Da unser Motto die große Liebe war, befanden wir es auch als selbstverständlich, nicht nur einen Partner zu lieben. Kinder wurden in eine Gruppe hinein geboren. Sie waren unser aller Kinder. Jeder fühlte sich für sie verantwortlich. Es war regelrecht verpönt, auf ein menschliches Wesen Besitzanspruch zu erheben. Jeder Mensch sollte frei sein, eingebettet in einer allumfassenden Liebe. Tja, nebst all‘ diesen schönen Dingen meiner Jugend muss ich ein Wort über die Drogen schreiben. Und das große Elend, dass sie mit sich brachten. Sie waren der Anfang vom Ende einer wundervollen Ära. Viele meiner damaligen Freunde rutschten in harte Drogen ab, leben heute nicht mehr. Existenzen zerbrachen durch ungehemmten Drogen- oder Alkoholmissbrauch. Kinder wurden in die Welt gesetzt und von den drogenabhängigen Eltern im Stich gelassen. Die Zeit lehrte uns, dass eine grenzenlose Freiheit eben nicht wirkliche Freiheit ist. Wir hatten die Chance, die Welt zu verändern und haben sie verpatzt, indem wir nicht verstanden mit dieser großen Freiheit um zu gehen. Zurück bleibt die Erinnerung an ein Lebensgefühl: Blumig, voller Liebe und Hoffnung mit einem bitteren Nachgeschmack. Dakar, 20.10.2017, Ruth Isenschmid